Vereins- Jubiläum
40 Jahre
Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V
Marie-Ellen
Krause
Glück kann man teilen, Sorgen auch!
40 Jahre Elternverein im nördlichen Märkischen Kreis
Sicher, spannender ist
immer das, was künftig kommt. Das Neue ist immer aufregend.
Aber in Augenblicken wie
diesen ist es wichtig, einen Schritt zurückzutreten, das Getane zu
betrachten und zu prüfen. Wenn wir damit zufrieden sind, dann können wir
sagen: Weiter so!
Der 40. Geburtstag
des Vereins für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. ist daher ein
guter Grund, auf die Anfänge des Elternvereins und auf Erreichtes zurück zu
schauen.
In den 60er Jahren
begannen Eltern, ihre Scheu abzulegen, sich mit ihren behinderten Kindern in
der Öffentlichkeit zu zeigen. In diesen Jahren schlossen sich in vielen
Regionen Elterninitiativen zusammen, oft unterstützt durch Ärzte und
Therapeuten.
Am 19.06.1970 fand sich
auch im damaligen Kreis Iserlohn eine Elterninitiative zusammen, um die noch
völlig unzureichende Förderung und Versorgung spastisch gelähmter,
körperbehinderter und mehrfachbehinderter Kinder im jetzigen nördlichen
Märkischen Kreis zu verbessern.
Gemeinsam suchten die Eltern Wege zu positiven Lebensbedingung
für ihre Angehörigen mit Handicap. Der Austausch untereinander war
wichtig, um die zahlreichen Schwierigkeiten, die sich im Leben eines
Menschen mit Behinderung und seiner Familie ergeben, zu meistern.
An diesem Ziel orientierte
sich auch der Vereinsname bei der Gründung: Verein zur Förderung spastisch
gelähmter und anderweitig Körperbehinderter Iserlohn e. V..
Ziel des Vereins laut
Satzung war und ist es, die Entwicklung körperlich und mehrfachbehinderter
Menschen in allen Lebensbereichen zu fördern, ihre Interessen in der
Öffentlichkeit zu vertreten und ihnen alle erdenklichen Möglichkeiten zu
geben, ihre Lebenschancen wahrzunehmen.
In den ersten Jahren beteiligten sich die Eltern am Aufbau und der
Ausstattung der Sondereinrichtungen, wie z. B. der Schule für
körperbehinderte Menschen, die sich damals in Menden-Barge befand.
Zahlreiche Probleme waren zu meistern, bevor allen Kindern mit Behinderungen
der Besuch einer Schule möglich war, unabhängig vom Schweregrad der
Behinderung.
Neben Aktionen, wie der Förderung von Therapien und des Therapeutischen
Reitens, gehörten die Organisation und Durchführung von
Informationsveranstaltungen zu verschiedenen Themen (z. B. Erbrecht oder
Betreuungsrecht) zum gut besuchten Angebot.
Ein buntes Sommerfest und eine besinnliche Weihnachtsfeier rundeten das
Jahresprogramm ab.
Im Jahr 2007 wurde der Name des Vereins dem heutigen Sprachgebrauch
angepasst:
Verein für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (VKM).
Der VKM ist als gemeinnützig und mildtätig anerkannt.
Neue Heimat und Chance - Wohnen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen
Im Jahr 2000 kam es zum großen Aufbruch. Eltern des Vereins stellten fest,
dass für die nun überwiegend erwachsenen schwer behinderten Angehörigen
Wohnmöglichkeiten fehlten, die ihren besonderen Bedürfnissen gerecht werden:
Schutz und Hilfe rund um die Uhr.
Die Frage kam auf: Was wird aus meinem Kind, wenn ich nicht mehr kann?
Und der kleine Elternverein setzte sich ein großes Ziel: Wir bewegen etwas
für unsere Kinder, schaffen ihnen einen Raum zum Leben, ein zweites Zuhause.
Nach einer mehrjährigen engagierten Planungsphase, unterstützt von Spenden
der Bevölkerung und von Stiftungen, konnte 2004 der 1. Spatenstich für ein
völlig rollstuhlgerechtes Wohnhaus mit 24 Wohnplätzen an der Sollingstraße
in Menden erfolgen.
Am 1. November 2005 zogen
20 Menschen mit besonderen Bedürfnissen in das „Wohnhaus Sollingstraße“ ein,
Menschen mit unterschiedlichen geistigen und körperlichen Behinderungen im
Alter von 18 bis 55 Jahren. Wenige Wochen später
waren alle Zimmer belegt.
Am 1. November 2009 konnte der Verein sein 2. Wohnhaus einweihen, die „Villa
Dominik“, ebenfalls barrierefrei, eine nach neuestem Standard
umgebaute Villa am Ortseingang von Menden für 20 weitere Menschen mit
Behinderungen.
In beiden Wohneinrichtungen werden die dort lebenden Menschen von einem
engagierten Team aus Pädagoginnen und Pädagogen, Pflegekräften und
Mitarbeitern aus weiteren Professionen begleitet und unterstützt.
Weitgehende Selbstbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner ist dabei
handlungsleitend.
Unterstützung der Familien mit einem besonderen Kind
In vielen unserer Mitgliedsfamilien lebt das Kind oder der bzw. die
Angehörige mit Behinderung noch im Kreis seiner Familie.
Eltern und Angehörige von Menschen mit Behinderungen und oft zusätzlichem
Pflege - und Aufsichtsbedarf sind täglich gefordert, sind oft rund um die
Uhr regelmäßig für den Menschen da, der ihre Hilfe benötigt.
Als Elternverein ist uns aus eigener Erfahrung bekannt, wie viel Kraft und
Energie das kostet. Wir sind mit der besonderen Lebenssituation von Menschen
mit Behinderungen und ihren Familien vertraut und wissen, dass für eigene
Bedürfnisses und Wünsche der Angehörigen oft kaum Zeit bleibt.
Der Bedarf nach individueller und umfassender Beratung und Unterstützung für
diese Menschen mit Behinderungen und ihre Familien führte 2005 mit
finanzieller Förderung durch die „Aktion Mensch“ zur Gründung des
Familienunterstützenden Dienstes (FUD).
Der FuD schafft „Freiräume“, damit Angehörige ihre Kräfte auftanken können,
aber auch, damit sie am kulturellen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen
können.
Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des FuD übernehmen
stundenweise die Betreuung der Menschen mit Behinderungen, meist im
häuslichen Umfeld, zeitlich flexibel nach dem Bedarf der Familien.
Für behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene werden vom FuD regelmäßig
Freizeitaktivitäten angeboten .
Einwöchige integrative Freizeiten sind für viele Teilnehmerinnen und
Teilnehmer das Highlight in Jahr.
In den Schulferien werden durch eine Ferienbetreuung mit buntem Programm
während der unterrichtsfreien Zeit der Förderschulen insbesondere
berufstätige Eltern entlastet.
Elternverein: Glück kann man teilen, Sorgen auch
Der VKM will auch in Zukunft
eine starke Gemeinschaft von Eltern sein, unabhängig davon, ob die von einer
Behinderung betroffenen Menschen in unseren Wohneinrichtungen oder noch in
ihren Familien leben.
Großen Wert legen wir auf Kontakte zu und mit den Eltern und Angehörigen der
Betroffenen. Familie gibt auch nicht behinderten Menschen Rückhalt, trotz
der üblichen Ablösung im Erwachsenenalter. Die Bedeutung der Familie für den
Menschen mit Behinderungen ist nicht geringer, egal, wo er wohnt. In der
Familie erfährt er Kontinuität, weiß sich angenommen.
Ich selbst kam Ende der
80er Jahre über einen Förderkindergarten meines Sohnes zum VKM.
Ich möchte andere Eltern
von behinderten Menschen ermutigen, sich ebenfalls dem Verein anschließen.
Wie ich damals werden sie
merken, wie gut es tut, am Ende des Einzelkämpferdaseins anzukommen. Denn
auch heute noch ist das Leben für Familien mit einem behinderten Kind voll
von Herausforderungen.
Wir finden Wege des
Miteinanders in unserem Alltag, freuen uns zusammen, machen
uns gegenseitig Mut und lassen uns auch in der Trauer über
Rückschritte oder Verluste nicht allein.
Wir informieren uns
gegenseitig, suchen neue Quellen der Beratung, vertreten gemeinsame
Interessen.
Regelmäßige Elterntreffen in den Wohnhäusern erfahren gute Resonanz.
Dafür stehen wir:
Jeder Mensch ist
einzigartig und niemand ist in erster Linie behindert. Jeder hat seine
Träume und Vorlieben, seine Stärken und Schwächen, hat den Wunsch, sich als
wertvoll und geliebt zu erfahren.
Der einzelne Mensch mit
Behinderung und seine Familie stehen daher im Mittelpunkt des Interesses und
der Arbeit des VKM. Gleichberechtigte Teilhabe von
Menschen mit Behinderungen, ein lebenswertes und förderndes Umfeld sowie die
Entlastung der betroffenen Familien sind auch künftig unsere Ziele.
Heute arbeiten 60 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ca. 20
ehrenamtliche Helfer engagiert für die Anliegen des VKM.
Der beim Gericht eingetragene Geschäftsführende Vorstand und die weiteren
Vorstandsmitglieder sind Eltern behinderter Kinder und daher mit allen
Schwierigkeiten und Herausforderungen vertraut, die die Situation und den
Alltag dieser Familien prägen.
Der Vorstand arbeitet bis heute ehrenamtlich.
Etwa 80 Mitgliedsfamilien gehören dem VKM an. Diese Familien und einige
Fördermitglieder unterstützen unsere Arbeit.
Damals wie heute: Gemeinsam sind wir stark
Die zurückliegenden, erfolgreichen 40 Jahre sind der beste Beweis!
Wir danken allen, die den Erfolg mit uns gemeinsam möglich gemacht haben.
Wir danken den Förderern aus Politik und Wirtschaft, die unsere Arbeit in
der Vergangenheit unterstützt haben und unseren Weg begleitet haben.
Unser Dank gilt der Aktion Mensch, ohne deren finanzielle Hilfe der Bau der
Wohneinrichtungen, der Aufbau des FuD und die Finanzierung unserer Fahrzeuge
nicht möglich gewesen wären.
Wir danken dem Paritätischen Wohlfahrtsverband für die gute Beratung.
Dank auch an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe für die gute
Zusammenarbeit.
Ganz besonders danken wir dem Bundesverband für körper- und
mehrfachbehinderte Menschen, wo wir jeder Zeit ein offenes Ohr fanden und
Rat bekamen.
Unser Dank gilt nicht zuletzt unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die
mit uns die Einrichtungen aufgebaut haben.
Auch wenn wir uns nicht mit allen Genannten immer einig über die Wege waren,
so verfolgen wir doch alle das gleiche Ziel:
Gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung in unserer
Gesellschaft.
Marie-Ellen Krause